Unterschätzte Traumata bei Kindern und Jugendlichen

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Es mag überraschen, aber ein Aufenthalt in den USA kam für mich nie in Frage. Irgendwie war das vorbewusst immer schon entschieden, darüber musste ich mir – bei aller Autoreflexivität – nie wirklich Gedanken machen. Bereits als junger Erwachsener hatte ich eine kritische Haltung zu vielem, was US-Amerikaner schon damals in der Welt, aber auch im eigenen Land anrichteten. An dieser Haltung hat sich nichts geändert, mit dem kleinen Unterschied, dass eine Einreise in die USA von heute wegen meiner stets auch öffentlich geäusserten Kritik gar nicht mehr zugelassen würde. Andererseits galt den herausragenden Verdiensten der US-Amerikaner um die Befreiung der Deutschen von den Nazis und um die Ermöglichung der Bundesrepublik Deutschland immer meine uneingeschränkte Dankbarkeit und Anerkennung.

Platte 'Anti-Amerikanismus'-Vorwürfe, wie sie gerne – und oft zu Unrecht – gegen 'linke Intellektuelle' erhoben werden, können mich ebensowenig meinen wie es für mich eine 'bedingungslose Dankbarkeit' geben kann, die sich – etwa – im Verzicht auf die Äusserung berechtigter Kritik manifestieren soll.

1985 musste ich nicht lange überlegen, ob ich die Einladung zu einem zweijährigen Promotionsstudium (mit Stipendium) an die Princeton University annehme. Für mein Dissertationsprojekt Literarische Zensur in Paris zwischen 1750 und 1830 wäre der Buchhistoriker Robert Darnton ein geeigneter Betreuer gewesen, seine Publikationen spielten in meinem Projekt eine nicht unbedeutende Rolle. Und bei einer persönlichen Begegnung am Rande eines Kongresses in Europa, mit einem ersten Austausch über mein Vorhaben, hatte ich offenbar sein Interesse geweckt, wie ich der Einladung nach New Jersey entnahm. Trotzdem entschied ich mich 1985 für Paris. Ich zog es vor, in der alten Bibliothèque Nationale in der Rue de Richelieu Originalquellen aus dem Kontext meiner Arbeit zu studieren und als Gasthörer an Veranstaltungen der EHESS teilzunehmen. Ausserdem schlug mein Herz immer schon für romanische Kulturen und Sprachen… und vor allem für Paris.

Auch im Frühjahr 1989 reagierte ich spontan – und brüskierte damit meinen Doktorvater, mit dem ich zu dem Zeitpunkt bereits zehn Jahre erfolgreich zusammengearbeitet hatte, indem ich – ein Jahr vor meiner Promotion – sein Angebot ausschlug, ihn an die Stanford University zu begleiten. Ich konnte es mir einfach nicht vorstellen. Die einzige Stelle, die er in Stanford zu besetzen hatte, hätte nicht besser auf mich zugeschnitten sein können… 50% Wissenschaft, 50% Management. Bei der Mitorganisation mehrerer internationaler Kongresse, von denen ich bei zweien auch für die Durchführung und die Betreuung vor Ort (Dubrovnik / Siegen) zuständig war, hatte ich wertvolle Erfahrungen im Wissenschaftsmanagement sammeln können. In den Monaten zwischen dem Affront meiner allzu direkten Absage, ohne den diplomatischen Umweg über eine Bedenkzeit, und dem Wechsel meines Doktorvaters nach Kalifornien wurde übrigens niemand sonst für die Stelle in Stanford gefunden. Auch ich wechselte 1989, allerdings aus der Wissenschaft in die Wirtschaft, wo ich mich ein Jahr später selbständig machte. Dabei halfen mir – neben meinem soziologischen Wissen – vor allem mein Effizienzdenken, meine Erfahrungen im Management sowie die Fähigkeit, mich schnell in neue Wissensgebiete einzuarbeiten.

Keine der genannten Entscheidungen habe ich je bereut. Die USA gaben zwar immer neuen Anlass zu kritischen Distanzierungen, sie waren in meinem Leben aber nie wieder Gegenstand persönlicher Entscheidungen, weder beruflich, noch privat.

Erst bei den Vorüberlegungen zu meinem Blog-Beitrag Über strukturelle Probleme und erzwungene Strukturwandel (Juni 2021) erinnerte ich mich an einen Skandal aus meiner Schulzeit, den ich offenbar komplett verdrängt hatte… An meinem humanistischen Gymnasium in Essen hatte es tatsächlich einer unserer Lehrer gewagt, mit uns im Unterricht den Artikel Drei Köpfe rollten auf mein Bett aus DER SPIEGEL 50, vom 6. Dezember 1970, zu lesen, der in unfassbaren Einzelheiten die barbarischen Foltermethoden von US-Soldaten im Vietnam-Krieg beschrieb. Es handelte sich um die Übersetzung eines Auszugs aus dem Buch Conversations with Americans (1970) des US-amerikanischen Anwalts Mark Lane (1927-2016), in dem 32 offenbar völlig abgestumpfte Ex-Soldaten Fragen zu den Greueltaten an Vietnamesen – und vor allem an Vietnamesinnen – beantworteten, die sie miterlebt oder sogar selbst begangen hatten. So genau konnte ich mich natürlich nicht daran erinnern, aber zu meinem Erstaunen war – und ist – der Artikel problemlos im Internet zu finden. Sogar ein Originalexemplar der 50. Ausgabe konnte ich mir auf diesem Wege sichern.

Bei der erneuten Lektüre des Artikels wurden meine Erinnerungen schlagartig wieder lebendig, angefangen von dem Moment, als unser trotzkistischer Englischlehrer Dieter Brodke mit einem Stapel SPIEGEL-Exemplare auf dem Arm den Klassenraum betrat. Einigen aus unserer Klasse ging es nach der Lektüre tagelang schlecht, was die Eltern auf den Plan rief und zur Entlassung des Lehrers führte. Als junge Teenager waren wir völlig überfordert mit den Schilderungen der barbarischen Verbrechen an unschuldigen Menschen, die auch heute noch das Vorstellungsvermögen jedes zivilisierten Menschen sprengen.

Die Details, die über die Folter durch US-Soldaten im US-Militärgefängnis Abu Ghraib im Irak oder im US-Gefangenenlager auf dem Marine-Stützpunkt Guantánamo Bay auf Kuba an die Öffentlichkeit gelangten, oder die Foltermethoden, die – auch – von der fiktiven US-amerikanischen Anti-Terror-Einheit (CTU) in der Serie 24, mit Kiefer Sutherland in der Hauptrolle, bei Verhören zur Anwendung kamen, natürlich immer 'aus Gründen der Nationalen Sicherheit': nichts von alledem reicht hinsichtlich der dargestellten Brutalität auch nur annähernd an die erbarmungslosen 'Verbrechen gegen die Menschlichkeit' heran, die in Vietnam wohl systematisch praktiziert wurden und die – wie gesagt – immer noch im Internet abrufbar sind. Solche ungeheuerlichen Rückfälle in die primitivste Barbarei, wie etwa auch durch russische Soldaten bei dem Massaker von Butscha in der Ukraine am 22. April 2022, widerlegen aus meiner Sicht die Annahme, der Mensch an sich sei gut…

Als ich mich 2021 noch einmal der Befragung von Mark Lane aussetzte, kamen zwar die Erinnerungen zurück, doch brauchte ich einen weiteren zeitlichen Abstand, um endlich zu erkennen, dass meine ungebrochene, strikte Ablehnung, US-amerikanischen Boden zu betreten, wohl Symptom eines tiefsitzenden Traumas ist. Meine Angst vor rechtsfreien Räumen wie Guantánamo, die es in demokratischen 'Rechtsstaaten' gar nicht geben kann, hatte ich immer auf meine ausgeprägte Klaustrophobie zurückgeführt. Dass Menschen in den USA unschuldig für Jahrzehnte in Gefängnissen verschwinden und dort regelrecht verrotten, ohne Zugang zu einer Rechtsvertretung und ohne Prozess, nur weil sie zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort waren oder mit jemand anderem verwechselt wurden, ist so real wie die rassistisch motivierten Morde durch hasszerfressene Polizisten und Agenten der Vollstreckungsbehörde für Zoll- und Einwanderungsangelegenheiten – U.S. Immigration and Customs Enforcement (ICE). Derzeit geraten nicht wenige Ausländer bei ihrer Einreise in entsetzliche Verhöre durch Agenten des U.S. Department of Homeland Security, die sich über mehrere Tage erstrecken können und ebenfalls in einem rechtsfreien Raum stattfinden…

Wer weiss, wovor mich meine psychische Vorbelastung bewahrt hat… Wer weiss, wie sich mein Verhältnis zu den USA ohne mein Trauma entwickelt hätte – und wie mein Leben dann verlaufen wäre… Es ist müssig, darüber zu spekulieren.

Traumatisierende Erlebnisse in der Kindheit oder in der Jugend, das wollte ich zeigen, können gravierende Auswirkungen für das weitere Leben haben. Mein Beispiel geht über 'anekdotische Evidenz' weit hinaus. Bis heute werden viele solcher Traumata nicht erkannt, nicht ernstgenommen und nicht aufgearbeitet. Im schlimmsten Fall enden sie tödlich… womit wir uns dem eigentlichen Thema dieses Beitrags zuwenden…

Seit mehreren Jahren nehmen die psychischen Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen markant zu. Inzwischen nehmen sich sogar schon Zehnjährige das Leben. Verantwortlich dafür sind primär die Eltern und die Lehrer, die ihren Schutzbefohlenen aus Ignoranz und Bequemlichkeit einen – weitgehend – unbeaufsichtigten Zugang zu digitalen Medien (Smartphones, Tablets, PCs) erlauben… und sich zum Teil auch heute noch nichts dabei denken.

Durch die Nutzung des Internets, insbesondere unter den verschärften Bedingungen der Sozialen Medien und der degenerativen Künstlichen Intelligenz, wurde in den letzten Jahren der Kinder- und Jugendschutz systematisch ausser Kraft gesetzt. Umfassend alle menschlichen Abgründe lauern nur ein paar Clicks entfernt… in Wort, Bild und Ton, so explizit wie nie zuvor. Traumatisierungen gab es schon lange vor dem Internet, etwa durch Missbrauch und Misshandlung, zum Teil über zerstörerisch lange Phasen und auch im vermeintlich geschützten Raum der christlichen Kirchen. Doch noch nie war die überwiegende Mehrheit unserer Kinder und Jugendlichen in einem so umfassenden Sinne ungeschützt…

Inzwischen regt sich Widerstand, schiessen überall Elterninitiativen wie Pilze aus dem Boden. Die Überzeugung breitet sich aus, dass es da einen Zusammenhang zwischen der zu frühen, intensiven Nutzung von Smartphones oder Tablets und dem Leistungsabfall in der Schule sowie den psychischen Auffälligkeiten gibt – oder geben könnte.

Schon 25% der 15-Jährigen können nicht lesen, sind also auch beim Schreiben, beim Rechnen und generell beim Lernen stark eingeschränkt. In Deutschland hängen die 15-Jährigen im Schnitt 49 Stunden pro Woche an digitalen Medien, werden von Algorithmen süchtig gemacht nach den Inhalten von Instagram, TikTok und anderen Plattformen. Sie vernichten mit dem Konsum banaler Video-Schnipsel ihre kostbare Zeit, ohne etwas zu lernen, schon viele Jahre bevor die Entwicklung des Gehirns mit Mitte 20 abgeschlossen ist. Die Struktur des fertig ausgebildeten Gehirns bedingt aber irreversibel dessen Leistungsfähigkeit für den Rest des Lebens. Versäumnisse lassen sich nicht nachholen. Das klingt brutal… Ist es auch. Der Hirnforscher Manfred Pfister spricht von 'digitaler Demenz', wenn in jungen Jahren die Zeit nicht für elementare Lernprozesse genutzt wird. Mit dem wenigen Wissen, das auch noch zum Grossteil über digitale Medien vermittelt ist, also nicht auf eigenen Erfahrungen beruht, sind Kinder und Jugendliche leichte Beute für alle – immer perfideren – Spielarten der Manipulation.

Was digitale Medien in den Händen von Kindern und Jugendlichen anrichten, habe ich schon in verschiedenen Beiträgen behandelt, etwa vor drei Jahren unter dem Titel Unterschätzte Nebenwirkungen der Digitalisierung. Im August 2024 wurde ich im Beitrag Auf dem besten Wege in die Digitale Invalidität deutlicher, weil einfach zu wenig passiert, um den Kinder- und Jugendschutz wiederherzustellen. Dies ist also ein weiterer Anlauf, denn die Gefährdungslage durch den Zugang zum Internet in seiner jetzigen Form haben die meisten noch immer nicht begriffen. Vor allem diejenigen nicht, die – auch rechtlich – die unmittelbare Verantwortung für den Schutz unserer Jüngsten tragen. Da sie Kinder und Jugendliche nicht konsequent von digitalen Medien fernhalten und nicht umfassend alles daransetzen, dass technische Lösungen für die Regelung des Internetzugangs eingeführt werden, die nicht umgehbar sind, werden sie vermutlich irgendwann dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Den Kindern und Jugendlichen, die im Internet zu Opfern werden, hilft das nicht. Wenn sie nicht in den Suizid getrieben werden, sind sie nach schwerwiegenden Vorfällen für den Rest des Lebens traumatisiert. Im besten Fall werden die Traumata erkannt und behandelt, im schlimmsten Fall bleiben sie unerkannt.

Wenn Sie den Artikel lesen, der mich als jungen Teenager traumatisiert hat, werden Sie die Augen vor den Gefahren nicht mehr verschliessen können. Alle Kinder und Jugendlichen haben Zugang dazu. Wenn sie lesen können und die deutsche Sprache beherrschen, hält sie nichts und niemand davon ab. Schauen Sie sich einmal an, was Ihnen Google als Suchergebnis zu 'Folter' oder 'Folter in Vietnam' so alles anbietet. Alle menschlichen Abgründe sind halt nur ein paar Clicks entfernt. Die Sozialen Medien sind dazu gar nicht notwendig, wirken allerdings als Verstärker. Wer als Jugendlicher auf die Darstellung von Greueltaten stösst, verbreitet vermutlich gleich die Links, um sich damit zu brüsten oder/und um andere damit zu schockieren. Wir sprechen hier etwa von gefilmten Enthauptungen. Die Traumata, die dadurch ausgelöst werden, bleiben als solche wohl in vielen Fällen erst einmal unerkannt.

Die explizite Darstellung martialischer, bestialischer, barbarischer, äusserst brutaler Verbrechen ist aber nicht einmal notwendig. Kinder und Jugendliche – vor allem in der Pubertät – können schon mit gefälschten Nacktbildern und gefälschten Porno-Videos von sich selbst traumatisiert werden, die etwa über Soziale Medien auf dem Schulhof verbreitet werden. Mit einem einzigen Selfie, einem digitalen Porno-Video und der entsprechenden Software steht man auf einmal nackt da oder ist als Hauptdarstellerin in einem Porno zu sehen. Täuschend echt. Es ist nicht vorstellbar, was das mit einem Kind oder einer Jugendlichen macht. Bekannt geworden sind bisher vor allem Fälle, in denen sie vor Scham im Boden versunken sind und sich anschliessend das Leben nahmen. Bei anderen reichen dazu schon weniger drastische Formen des Cyber-Mobbings aus.

Und was machen die Erwachsenen? Sie möchten es sich nicht mit ihren Schutzbefohlenen verderben, indem sie ihnen etwas wieder wegnehmen, das sie ihnen nie hätten geben dürfen. Natürlich war das ein Riesenfehler, doch nun wird aus Angst vor den Reaktionen ein noch grösserer begangen: es wird herumgeeiert und nicht konsequent die Notbremse gezogen.

Social Media-Verbote für alle unter 16 oder Smartphone-Verbote in der Schule lösen das Schutzproblem nicht. Es ist so, als würde man in einem Haus mit 100 Fenstern zwei Fenster versiegeln, um vor den Gefahren draussen zu schützen, während sich die anderen 98 Fenster kinderleicht öffnen lassen. Die Wissenschaft ist da ganz eindeutig, dass die halbherzigen Massnahmen, die einzelne Länder wie Australien oder Frankreich, einige Städte, Gemeinden und Elterninitiativen inzwischen verordnet haben oder diskutieren, bei weitem nicht ausreichen. Doch wer hört schon auf Wissenschaftler wie Dr. Julia Brailovskaia vom Forschungs- und Behandlungszentrum für psychische Gesundheit (FBZ) an der Ruhr-Universität Bochum, die sich am 23.02.2026 zum Stand der Forschung in einem Gespräch in der Sendung Kulturzeit auf 3Sat unmissverständlich geäussert hat.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Gefahren aus dem Internet für Kinder und Jugendliche systematisch verharmlost werden, weil man so sein eigenes Geschäftsmodell retten will. Es gibt so viele unterkomplex denkende Trittbrettfahrer, die trotz geringer Qualifikation so gerne schnelles Geld mit der Digitalisierung und degenerativer Künstlicher Intelligenz verdienen würden, und sei es auch nur in der beratenden Tätigkeit eines Lobbyisten. So gibt es nicht wenige Stimmen, die sich vielleicht etwas mit Maschinen, aber garantiert nicht mit Menschen, vor allem nicht mit Kindern und Jugendlichen auskennen, die allen Ernstes behaupten, Kinder müssten konsequent an die Bedienung digitaler Medien und auch an die Programmierung herangeführt werden. Frühestmögliche 'digitale Kompetenzen' würden ihnen nicht nur eine leuchtende Zukunft eröffnen, sondern auch Schutz vor den Nachteilen des Internets bieten. Nicht wenige Eltern und Lehrer glauben diesen Unsinn. Schon wegen des eigenen schlechten Gewissens macht man sich etwas vor, um Konflikten mit dem eigenen Nachwuchs aus dem Weg zu gehen und bloss nicht die Familienidylle zu (zer)stören. Wie soll man auch erklären, dass etwas auf einmal zu gefährlich sei, das man bisher doch – weitgehend – ohne Einschränkung benutzen durfte? Da lässt man die Kinder und die Jugendlichen doch lieber in Situationen geraten, in denen ihnen irreversible Schäden zugefügt werden können oder in denen sie keinen anderen Ausweg mehr sehen, als sich umzubringen.

Es geht ja auch nicht bloss um schlimme Traumata. Zusätzlich droht ja auch noch eine digitale Invalidität, im schlimmsten Fall sogar eine digitale Demenz. Es wird Zeit, in der Realität anzukommen, anstatt weiter auf die Werbeversprechen derjenigen hereinzufallen, die Milliarden mit der Digitalisierung, den Sozialen Medien und sogenannter 'Künstlicher Intelligenz' verdienen. Sie sind skrupellos, machen auch vor Kindern und Jugendlichen nicht Halt. Wenn wir nicht bald radikale Massnahmen ergreifen, um den grob fahrlässig aufgegebenen Kinder- und Jugendschutz wiederherzustellen, werden wir ganze Generationen verlieren, die sich etwas darauf einbilden, 'Digital Natives' zu sein. Ihnen fehlen aber die Voraussetzungen, um zu begreifen, was es bedeutet, ein 'Digital Native' zu sein. Und so halten sie die Bezeichnung für einen Kompetenzausweis… In dieser Selbstüberschätzung und in der mangelnden Fähigkeit, die Auswirkungen der digitalen Medien umfassend einzuschätzen, liegt eine grosse Gefahr. Heute beobachten wir, dass Selbstbewusstsein sich immer weniger auf Fähigkeiten und Leistung gründet, sondern auf die Tatsache, in einem bestimmten Zeitraum, etwa zwischen 1995 und 2010, geboren und mit digitalen Geräten aufgewachsen zu sein… Angesichts der Probleme in der Welt darf bezweifelt werden, ob das ausreicht, um unsere Spezies in die Zukunft zu führen… Und jedes einzelne Trauma, das über digitale Medien ausgelöst wird, ist definitiv eines zuviel.

Wir müssen unsere Kinder und Jugendlichen vor den digitalen Medien schützen, weil ein Schutz in den digitalen Medien nicht möglich ist, solange der Zugang zum Internet nicht geregelt werden kann. Ich empfehle seit langem, den Zugang zu digitalen Medien an das Alter zu koppeln, in dem wir jungen Menschen zutrauen, an politischen Wahlen teilzunehmen oder einen KFZ-Führerschein zu machen. Die persönliche Reife, also die Entwicklung des Gehirns, sowie der Erwerb des nötigen Wissens und der nötigen Lebenserfahrung brauchen trotz aller Beschleunigungen in der Welt viel Zeit. Sie allein versetzen aber in die Lage, blitzschnell richtige Entscheidungen zu treffen. Sie sind die Voraussetzung dafür, mit digitalen Medien bewusst, sinnvoll und verantwortungsvoll umzugehen. Und bis dahin muss der Kinder- und Jugendschutz greifen. Erste zaghafte Schritte zu seiner Wiederherstellung sind eingeleitet, doch es ist noch zu früh für die Behauptung, wir wären auf einem guten Weg…

Und wenn Sie immer noch glauben, 'irgendwas mit Medienkompetenz' könnte unsere Kinder und Jugendlichen vor lebensverändernden und lebenszerstörenden Traumata bewahren, dann empfehle ich Ihnen unbedingt die Lektüre des Artikels Drei Köpfe rollten auf mein Bett, der mich als Jugendlichen traumatisiert hat – und der heute noch, auch für Kinder und Jugendliche, im Internet frei zugänglich ist… Diese Leseempfehlung ist ganz sicher selbst für Erwachsene eine starke Zumutung. Ich möchte sie verstanden wisssen als einen weiteren, fast schon verzweifelten Schritt, darüber aufzuklären und die Diskussionen darauf zu lenken, warum Kinder und Jugendliche ohne Wenn und Aber von digitalen Medien ferngehalten werden müssen. 

Veröffentlicht von Armin Biermann 2 Monaten vor, 12.3.2026

Abgelegt in: Allgemein

3 Antworten zu “Unterschätzte Traumata bei Kindern und Jugendlichen”

  1. Jürgen Becker
    15. März 2026 at 11:22

    Deine Aussagen treffen auch aus meiner Sicht zu. Ich empfinde es inzwischen als hochgradig verstörend, dass junge Menschen – nennen wir sie hier „Jugendliche“ – mit dem Mobile vor Augen durch die Straßen rennen. Leider tun das viele Erwachsene auch: Wenn das kein Anzeichen für Sucht ist – was dann?

  2. Hugo Düggelin
    13. März 2026 at 15:59

    Armin, einmal mehr ein toller Essay! Das Thema «Jugendschutz vor den Gefahren der digitalen Medien» beschäftigt auch mich seit längerem und ich befürworte auch die Beschränkung des Zugangs zu digitalen Inhalten in Abhängigkeit vom Alter. Weil die digitale Welt heute generell eine Art rechtsfreier Raum geworden ist (Beispiel Plattform X), wünsche ich mir ausserdem die Ausdehnung der geltenden Gesetze und Rechtssprechung auf digitale Inhalte, was die Anbieter von unrechtmässigen Inhalten zwingen würde, Verantwortung zu übernehmen.

  3. Bernd Zielinski
    12. März 2026 at 16:17

    Wie immer: messerscharf analysiert und großartig formuliert.
    Schöne Grüße
    Bernd

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