Auf dem besten Wege in die Digitale Invalidität

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Die Technikgeschichte verläuft in Schüben, ausgelöst von Entdeckungen, Erfindungen und Ergebnissen naturwissenschaftlicher Forschung, die der Menschheit tendenziell ein immer komfortableres und längeres Leben geebnet haben. Weil aber auch der technologische Fortschritt nicht nur Vorteile mit sich bringt und nicht nur Chancen eröffnet, haben sich schon früh Analysen und Bewertungen der Risiken und der Gefahren neuer Geräte, Verfahren und Fertigkeiten etabliert, die wir unter dem Begriff der 'Technikfolgenabschätzung' kennen, seit den 60er Jahren sogar als wissenschaftliche Disziplin und Forschungsgegenstand.

Daher wissen wir auch, dass es häufig unmöglich ist, die Vorteile einer Technik zu nutzen, ohne früher oder später auch deren Nachteile in Kauf nehmen zu müssen. Genau deshalb sollte eigentlich stets eine Abwägung auf der Basis umfassend aller relevanten Aspekte erfolgen, bevor entschieden wird, ob eine neue Technik sowie die ihr zugrundeliegende Technologie unbedenklich ist und zugelassen werden kann. Soweit die Theorie. In der Praxis werden gravierende Nachteile gerne verschwiegen, heruntergespielt oder erst erkannt, wenn eine Technologie bereits genutzt wird und eine Umkehr schwierig bis unmöglich ist. Solche 'blinden Flecke' sind leider keine Seltenheit.

Ein frühes Beispiel für eine einseitig positive Betrachtung ist das Speichermedium 'Schrift', mit dem Wissen erstmals aufgeschrieben und – für die Nachwelt – aufbewahrt werden konnte. Mit der ersten weitreichenden Entlastung des – kollektiven – Gedächtnisses, des bis dahin einzigen 'Speichermediums' für Wissen, bildete sich zugleich zum ersten Mal die Gedächtnisleistung des menschlichen Gehirns markant zurück – und mit ihr das aktiv verfügbare individuelle Wissen.

Die Schrift 'machte' also von Anfang an etwas mit den Menschen, die sich ihrer bedienten. Wie alle erfolgreichen Innovationen der Technikgeschichte verschaffte sie Erleichterungen, die um den Preis psychischer und physischer 'Veränderungen' erkauft wurden. Zuvor überlebenswichtige Fähigkeiten und Fertigkeiten gingen verloren, auch noch nicht veraltetes Wissen wurde nicht mehr an nachfolgende Generationen weitergegeben und geriet so in Vergessenheit. Es war ja schriftlich konserviert und stand bei Bedarf oder Interesse weiterhin zur Verfügung, auch nachgeborenen Historikern. Mit dem Buchdruck wurde gegen 1450 ein erstes Verbreitungsmedium für Schrift erfunden, doch bis zum XIX. Jahrhundert war der Grad der Alphabetisierung sehr überschaubar.

Die Erfindung der Kopiergeräte vor rund 85 Jahren verstärkte eine Entwicklung, die im Speichermedium 'Schrift' bereits angelegt war. Texte, die zurück- oder weitergegeben werden mussten, konnte man nun einfach und kostengünstig kopieren und ablegen, anstatt sie – sofort – lesen zu müssen. 'Wissen über die Welt' wurde so zunehmend verdrängt durch ein sehr viel schlankeres 'formales Wissen über den Zugang zu Wissen über die Welt', freilich wieder zu Lasten des Gedächtnisses. Doch wer nur noch wenig über die Welt weiss, nimmt automatisch weniger wahr, verfügt nicht über die wichtigste Voraussetzung für Urteilskraft und kann schnell nicht mehr mitreden. Nur so ist der heute gelegentlich zu vernehmende Standpunkt zu erklären, 'man müsse gar nichts mehr wissen, man könne ja alles googeln'.

Mit dem Einsatz der PCs schrumpfte auch die Konzentrationsfähigkeit weiter. Einen gespeicherten Text konnte man ganz entspannt jederzeit nachträglich korrigieren oder umschreiben. So wurde manche Seite bloss wegen eines fehlenden Kommas oder eines doppelten Leerzeichens neu ausgedruckt. Während vereinzelt vom papierlosen Büro geträumt wurde, nahm der Papierverbrauch mit den Computern extreme Ausmasse an. Was für ein Unterschied zur Schreibmaschine, die noch keinen elektronischen Speicher hatte! Da war beim Schreiben noch höchste Konzentration gefordert, weil sonst u.U. eine ganze Seite neu getippt werden musste. Mit etwas Pech sogar mehrere.

Die Taschenrechner wirkten sich negativ auf das Kopfrechnen aus, mit den Navigationsgeräten verkümmerte unser Orientierungssinn. Seit 2007 bieten uns Smartphones Orientierungshilfen für alle möglichen Lebenslagen an. Ein schlechtes Erinnerungsvermögen, mangelndes Wissen und fehlende Urteilskraft können seitdem – so zumindest die Hoffnung – in Echtzeit kompensiert werden, etwa durch Suchmaschinen, oder durch Restaurant-Apps, die mit Bewertungen und Rankings aushelfen.

Ich erinnere mich noch gut an den Schock, als ich zum ersten Mal beobachtete, wie solche Restaurant-Bewertungen sich auf die Wahrnehmung von Menschen auswirken, die nicht den geringsten Verdacht hegen, diese könnten gekauft bzw. gefälscht sein. So kann aus einer ganz normalen Studentenkneipe ein angesagter Ort mit einem sehr besonderen Ambiente werden, aus einem passablen Essen ein kulinarischer Höhepunkt und aus einem durchschnittlichen Wein ein edler Tropfen. Ganz zu schweigen davon, dass – neue – Restaurants komplett aus der Wahrnehmung herausfallen, wenn sie nicht zu den zahlenden Abonnenten des App-Anbieters gehören.

Viele Menschen wagen sich heute kaum noch in ein Restaurant, ohne vorher mindestens eine App ihres Vertrauens zu konsultieren. Selbst der Weg zu den Restaurants wird nicht mehr wahrgenommen. Denn der Blick ist ja ständig auf das Navi des Smartphones gerichtet. In ersten Städten wurden die Ampeln zusätzlich in die Bürgersteige eingelassen, damit sie – links oder rechts des Displays – überhaupt noch ins Blickfeld geraten und hoffentlich Schlimmeres verhindern.

Ein vermeintlicher Vorteil – und bei näherer Betrachtung gravierender Nachteil – der Smartphones besteht darin, dass sie vielfältige Möglichkeiten der Kommunikation anbieten, die praktisch ohne Schrift auskommen. Das hört sich erst einmal gut an, vor allem für – funktionale – Analphabeten, doch handelt es sich hierbei nicht einfach um einen Rückfall in die Zeit vor der Erfindung der Schrift. In schriftlosen Kulturen hatten die Menschen das leistungsfähigste Gedächtnis überhaupt… und darin war der ganze Wissensschatz gespeichert, der zum Überleben der Gemeinschaft erforderlich war. Heute kann man sich dank einer permanenten Reizüberflutung auf nichts mehr konzentrieren, daher auch nichts mehr merken, so dass man kaum noch etwas über die Welt weiss. Was dabei herauskommt, kann man in der Öffentlichkeit miterleben, wenn Menschen zu einer Zumutung werden, weil sie lauthals telefonieren… und dabei reichlich reden, ohne etwas zu sagen.

Man benötigt keine Expertise, um zu erkennen, warum digitale Medien in den Händen von Kindern und Jugendlichen keine gute Idee sind. Nicht zufällig können heute 25% der 15jährigen nicht lesen. Auch die psychischen Auffälligkeiten nehmen zu. Viele Kinder und Jugendliche werden heute über die sozialen Medien viel zu früh mit Gewalt, Pornographie, Mobbing, falschen Fakten u.v.m. konfrontiert. Sie haben weder das Wissen, noch die persönliche Reife, um damit umzugehen. Somit sind sie leichte Beute für alle möglichen Formen der Manipulation, die zudem gezielt süchtig machen. Digitale Medien sind in der wichtigsten Lernphase des Lebens vor allem Zeitvernichter. In dieser Phase prägt das Gehirn seine Struktur aus, die darüber entscheidet, ob man nach dem 25. Lebensjahr die wichtigen Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Lernen beherrscht – oder für den Rest seines Lebens in allen möglichen Hinsichten – und u.U. schwer – behindert ist (Stichwort 'Digitale Demenz').

Und immer, wenn man denkt, alle Gefährdungen und Rückschritte durch Technik seien nun bekannt, kommt die nächste technologische Errungenschaft um die Ecke, in deren Entwicklung und Vermarktung heutzutage Milliarden gepumpt werden, wenn man sich schnelle hohe Profite davon verspricht. Als Folge der Digitalisierung haben sich viele Entwicklungen und Prozesse sosehr beschleunigt, dass nicht einmal mehr genügend Zeit für die so wichtigen Technikfolgenabschätzungen bleibt. Damit kommen wir zum bisher riskantesten Kapitel der Technikgeschichte: der generativen Künstlichen Intelligenz.

Diese invasive Spezies von Software greift schon länger, ganz massiv aber seit Ende 2022 in alle Lebensbereiche aus, verändert unsere Wahrnehmung, unsere Denkprozesse, unsere Sprache, unser Wissen, unsere Wertvorstellungen, unsere Urteilskraft, unsere Entscheidungen, unsere Fähigkeiten und unsere Fertigkeiten. Generative Künstliche Intelligenz zerstört mit ihren qualitativ immer hochwertigeren Deepfakes sämtliche Gewissheiten, die uns Menschen seit dem Verlust unserer Instinktorientierung das Überleben gesichert haben und auf die wir auch künftig angewiesen bleiben. Generative Sprachanwendungen treiben die Spielarten der Manipulation auf die Spitze, zerstören menschliche Existenzen, Unternehmen, Berufe, Demokratien. Generative Künstliche Intelligenz ist damit nichts anderes als ein Generalangriff auf die conditio humana, also auf alles, was uns Menschen zu Menschen macht.

Verkauft wird uns diese Technologie als ein weiterer Schub, der die Menschheit auf eine neue Stufe der Evolution heben soll. 'Maschinen mit menschlichen Eigenschaften und Fähigkeiten' sollen uns das Leben maximal erleichtern. Es wird sogar schon von einer Künstlichen Allgemeinen Intelligenz geträumt, die in wenigen Jahren der menschlichen Intelligenz ebenbürtig oder sogar überlegen sein und dann Aufgaben erledigen können soll, für die sie nicht einmal programmiert wurde… Mary Shelley's 'Frankenstein' (1818) lässt grüssen… Die Tech-Milliardäre arbeiten offensichtlich ganz narzisstisch an ihrer eigenen Apotheose, koste es, was es wolle. Und sie werden dabei sekundiert von unzähligen Menschen, die in ihrer fast kindlichen Technikbegeisterung die Märchen glauben, die ihnen erzählt werden.

Die Rede ist von Maschinen, die angeblich denken und fühlen können, die manchmal fröhlich und manchmal traurig sein sollen, die vermeintlich ein Bewusstsein von sich selbst haben, menschliche Sprachen verstehen und schon in ca. 100 andere Sprachen übersetzen können, die sich Gedichte ausdenken und ganze Bücher inhaltlich zusammenfassen können, die Texte für jeden Anlass und jeden Zweck verfassen können – und dabei kreativer, schneller und besser als wir Menschen sein sollen… Wen kann es da verwundern, dass die Marketing-Abteilungen der Big Tech-Konzerne ihre Maschinen mit Prädikaten versehen und in Worten beschreiben, die eigentlich nur auf uns Menschen anwendbar sind.

Im Angesichte solcher Maschinenmenschen bzw. menschenähnlichen Maschinen erscheint es fast unsinnig, noch selber denken, lesen, formulieren, schreiben, Sprachen lernen oder übersetzen und dolmetschen zu wollen. Anscheinend können wir jetzt die meisten Funktionen unseres vergleichsweise unzulänglichen Gehirns an Künstliche Intelligenz auslagern, die bald auf Zuruf alles optimal erledigen wird, wozu wir sie auffordern. Nach jahrzehntelanger Forschung und Programmierung ist es nun an der Zeit, die Früchte all dieser Bemühungen zu ernten.

Das dachten zumindest viele schon bei digitalen Sprachassistenten wie Alexa oder Siri, denen ich vor fünf Jahren den Beitrag 'Künstliche Intelligenz und natürliche Sprachen' gewidmet habe. Seitdem hat die Leistungsschau Künstlicher Intelligenz deutlich an Fahrt gewonnen. Apps schiessen wie Pilze aus dem Boden, fast täglich werden neue Rekorde vermeldet, auch was das Investitionsvolumen weltweit in Hardware und Software oder neue Rechenzentren betrifft. Immer wieder ist zu lesen, KI sei gekommen, um zu bleiben, und werde unsere Welt nachhaltig auf den Kopf stellen. Natürlich werden längst überall KI-Einführungen, sogar KI-Pflichtveranstaltungen an Universitäten und KI-Studiengänge angeboten, vor allem Publikationen reihenweise aus dem Boden gestampft. Und allen, die sich von dem ganzen Aktionismus nicht beeindrucken lassen, wird unverhohlen und selbstbewusst mit der Weisheit gedroht: 'Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit'.

Und weil es schon zeitlich gar nicht zu schaffen ist, sein Wissen über Künstliche Intelligenz auf den aktuellen Stand zu bringen und auf diesem Niveau zu halten, konzentriert man sich voll und ganz darauf, was man mit einzelnen Apps so alles machen kann… Dabei wäre es so wichtig, einmal innezuhalten und sich mit etwas Abstand zu fragen, was die intensive wie extensive Beschäftigung und der distanzlose Umgang mit generativer Künstlicher Intelligenz eigentlich mit uns machen. Mit den Lebensbereichen, in die man generative Künstliche Intelligenz hineinlässt, und mit den Tätigkeiten, bei denen man sich von KI abhängig macht, werden weitere Fähigkeiten und Fertigkeiten abgebaut – oder erst gar nicht mehr aufgebaut.

Anstatt sich einmal die Frage zu stellen, ob man – etwa bei einem längeren Ausfall von Strom, Internet oder ständig genutzten KI-Plattformen – auch ohne digitale Medien und generative KI-Systeme noch handlungsfähig ist, sind viele Menschen bereits auf dem besten Wege in die Digitale Invalidität. Ohne die digitalen Krücken werden sie schon bald zu bewegungsunfähigen sozialen Pflegefällen.

Kinder und Jugendliche werden besonders stark betroffen sein, denn sie lassen jetzt schon ihre Schulaufsätze von ChatGPT generieren. Sie merken nicht einmal, dass sie sich damit massiv schaden und abhängig machen, weil sie nicht einfach nur 'schummeln', sondern ganze Lernprozesse nicht mehr durchlaufen und somit wichtige Lernziele nicht mehr erreichen. Und die Lehrer? Die meisten sind voll damit beschäftigt, wie sie trotz ChatGPT ihre Schüler noch beurteilen und damit ihrer Selektionsfunktion gerechtwerden können. Eigentlich sollten sie die jungen Menschen auf eine Teilhabe an der Gesellschaft vorbereiten. Dann aber müssten sie völlig andere Prioritäten setzen und digitale Medien aus der Schule verbannen. Doch das ist noch eine seltene Ausnahme. Einzelne Schulen, Städte oder Länder (etwa Frankreich) setzen bereits ein Handy-Verbot für Kinder und Jugendliche durch, immer mehr Elterninitiativen werden gegründet, um auf die messbaren Verschlechterungen der schulischen Leistungen sowie der psychischen und physischen Gesundheit ihrer Kinder zu reagieren.

Sie sehen einen kausalen Zusammenhang mit der Handy-Nutzung, wo andere ihn weiterhin als blosse Korrelation verharmlosen. Wenn hier nicht schnell gehandelt wird, werden viele Kinder und Jugendliche später mit dem Handicap einer Digitalen Demenz und/oder einer Digitalen Invalidität leben müssen. Wir sollten also aufwachen und eingreifen, noch ehe die mit Abermilliarden alimentierten Märchen brutal auf die Wirklichkeit treffen. Der Zenit des KI-Hypes ist überschritten. Die Investoren sind schon recht nervös… Die 'sensiblen Märkte' reagieren wieder einmal als erste… Sie werden es, wie es so schön heisst, schon richten… und vermutlich auch dieses Mal wieder zugrunde.

Wer angesichts des Hypes um die generative Künstliche Intelligenz einen kühlen Kopf bewahrt hat und das Treiben mit der nötigen Distanz betrachtet, kann mindestens acht Gründe erkennen, weshalb der generativen Künstlichen Intelligenz mit ihren grossen Sprachmodellen sehr wahrscheinlich nicht die angedichtete Zukunft beschieden sein wird. Und aus jedem einzelnen Grund kann sogar ein schnelles Ende resultieren… so wie bei KI in den letzten Jahren immer alles ganz schnell zu gehen scheint…

Die Kenntnis dieser Gründe mag zu einer besseren Einschätzung beitragen, was auf diejenigen zukommen kann (und wohl wird), die zu schnell zu viel Zeit und Geld in diese Technologie investiert haben. Die Tage, Wochen und Monate der Beschäftigung mit generativer KI wird man vermutlich als 'Freizeitgestaltung' abbuchen müssen. Das eingesetzte Kapital ist vielleicht zum Teil noch zu retten, wenn man das Verhalten der Investoren in den nächsten Monaten wachsam im Auge behält…

(1) Ganz oben im Ranking der Ursachen für einen 'sudden death' von generativer Künstlicher Intelligenz befindet sich nämlich derzeit der Exodus der Investoren, die um ihre Milliarden bangen. Es geht das Gerücht um, dass generative KI niemals rentabel sein wird. Analysten sprechen von einer 500 Milliarden-Lücke zwischen dem Kapital, das in generative KI investiert wird, und den Gewinnen, die mit generativer KI erzielt werden. Niemand weiss, ob und wie diese Lücke jemals geschlossen werden kann.

(2) Die Big Tech-Unternehmen haben mit ihren Versprechungen rund um generative KI Billionen eingesammelt, können aber offenbar nicht liefern. Damit bringen sie auch Hardware-Zulieferer wie Nvidia in Bedrängnis, die aufgrund der Versprechungen viel zu schnell gewachsen sind. Inzwischen zeichnet sich ab, dass etwa die massiv ausgebauten Kapazitäten zur Herstellung der leistungsstarken Spezialchips für künftige Rechenzentren gar nicht benötigt werden und dass die bereits erfolgte 'Produktion auf Halde' schnell veralten und gigantische Wertverluste auslösen wird. Sam Altman u.a. spielen nun auf Zeit, indem sie behaupten, die Lieferung würde sich nur ein wenig verzögern. Sie haben fast kriminell einen Erwartungshorizont geschaffen, den sie nun gerne wieder verengen würden, ohne dadurch eine Panik an der Börse zu verursachen.

(3) Der Hauptgrund, warum OpenAI et. al. keine verlässlichen generativen Sprachanwendungen liefern können, besteht in der Verwendung menschlicher Sprache für die Inputs und für die Outputs. Der vermeintlich grösste Vorteil dieser Technologie ist zugleich ihr grösster Nachteil, denn menschliche Sprache lässt sich nur auf einem sehr niedrigen Niveau maschinell so verarbeiten, wenn die Fehlertoleranz im Rahmen bleiben soll. Verlassen kann man sich auch dann nicht auf die Vollständigkeit, die Richtigkeit und die Brauchbarkeit der Outputs. Die prinzipiell mehrdeutigen natürlichen Sprachen sind schlicht eine Nummer zu gross für Algorithmen und neuronale Netze, die nur Zeichen hin und herschieben können (Syntax). Bedeutungen kleben nicht an den Zeichen, sie entstehen auf der Basis von Wissen (Semantik) und zusätzlichen Informationen in konkreten Situationen (Pragmatik) im Gehirn des Autors/Lesers oder Sprechers/Hörers. Menschen besitzen ein Gehirn und fünf Sinne, die Bewusstsein und die Fähigkeit zur Selbstbeobachtung erschaffen, Maschinen haben nur Sensoren, Hardware und Software. Trotz aller KI scheitern sie zwangsläufig an dem Versuch, menschliche Sprachen zu simulieren und zu imitieren.

(4) Dass viele der bisherigen Outputs eine erstaunliche Kohärenz mit den Inputs aufwiesen, ist einfach erklärbar: die Basis der grossen Sprachmodelle bilden noch fast ausschliesslich für die Datenverarbeitung aufbereitete Texte, die von Menschen erdacht und niedergeschrieben wurden, bevor sie aus dem Internet geraubt wurden. Da nun aber täglich Millionen – wenn nicht Milliarden – Texte das Internet überschwemmen, die mit KI generiert wurden und deshalb zum Grossteil inhaltlich falsch oder komplett unsinnig, also regelrechter Datenmüll sein können, der als solcher auch gar nicht gekennzeichnet ist, wird es nicht lange dauern, bis die von Menschen erdachten und verfassten Texte in einem Meer aus Datenmüll verschwinden werden. Man muss kein KI-Spezialist sein, um zu verstehen, dass die Kohärenz der Outputs dann schwinden wird: die generativen Sprachanwendungen werden degenerieren und unbrauchbar werden. Das klingt nach einem eingebauten Selbstzerstörungsmechanismus. Noch ist nicht absehbar, wie schnell er wirksam werden wird.

(5) Die Degenerierung der generativen KI-Systeme zieht zwangsläufig den Exodus der Anwender nach sich, die hoffentlich noch keine digitalen Invaliden geworden sind. Denn sonst kann es passieren, dass sie ganz schnell existenzielle Probleme bekommen… Diese Gefahr entbehrt nicht einer gewissen Komik, weil vor allem diejenigen betroffen sein werden, die immer schön 'mit der Zeit gegangen sind'

(6) Aber auch von juristischer Seite droht Ungemach. Es kann nicht ungestraft bleiben, wenn Eigentums-, Urheber- und Persönlichkeitsrechte millionenfach verletzt werden, und das Tag für Tag. Die New York Times etwa hat eine Sammelklage gegen OpenAI eingereicht und offenbar 100 Beweise mitgeliefert, dass ChatGPT in seinen Outputs ganze Artikel aus der NYT reproduziert hat, ohne diese zu kennzeichnen und vor allem ohne für die Verwendung zu bezahlen. Experten gehen von bis zu 130'000 USD Schadenersatz aus – in jedem nachgewiesenen Fall des Diebstahls geistigen Eigentums. Das wäre dann ein 'plötzlicher Tod', der seinem Namen alle Ehre macht.

(7) Inzwischen gibt es noch einen weiteren Straftatbestand, der nicht nur in ersten Fällen aktenkundig geworden, sondern sogar beliebig reproduzierbar ist: Rufmord. SWR Aktuell titelte am 16. August 2024: «Der Journalist Martin Bernklau ist Opfer des KI-Chats Copilot geworden. Die Künstliche Intelligenz von Microsoft macht aus dem unbescholtenen Tübinger einen Kinderschänder.» Da generative Künstliche Intelligenz ja nur Zeichen hin- und herschieben kann, ohne Zugang zu den Bedeutungen zu haben, kann es gefährlich werden, wenn der eigene Name in Texten über Straftaten erscheint. Denn KI kann nicht unterscheiden, ob die Person, deren Name genannt wird, lediglich über die Straftat berichtet oder diese selbst begangen hat. Gerichtsreporter sind also auf einmal akut existenziell bedroht. Hier zeichnen sich Klagen ab, die wohl in den USA um Schadenersatz in Millionenhöhe geführt werden dürften, denn ein solcher Rufmord ist, wie der Name schon sagt, nie wieder rückgängig zu machen. Sollten sich solche schädlichen Outputs häufen, kann auch das zu einem schnellen Verbot solcher KI-Systeme führen. Dass von Verlässlichkeit keine Rede sein kann, war ja bereits bekannt. Dass der KI-generierte 'Datenmüll', dass die falschen, aber plausiblen, und die unsinnigen Outputs aber sogar menschliche Existenzen bedrohen und zerstören können, hat eine neue Qualität und ist auf keinen Fall hinnehmbar. Der Verzicht auf Technikfolgenabschätzungen bei generativer KI war aus heutiger Sicht ein fataler Fehler. Wer KI-Werkzeuge wie Microsoft Copilot trotzdem einsetzt, macht sich mitschuldig. Ein sofortiges Verbot mit Hilfe einer einstweiligen Verfügung muss in diesem Fall sofort national wie international durchgesetzt werden. Wir werden sehen, ob das gelingt…

(8) Fast vergessen hätte ich den Grund, der früher oder später zu einem politischen Verbot führen wird, ja muss: der horrende Energie- und Wasserverbrauch der Rechenzentren, in denen die KI-Plattformen betrieben werden. Diese Ressourcenverschwendung passt angesichts der fortschreitenden Klimakatastrophe überhaupt nicht mehr in die Zeit, ja sie ist ein rücksichtsloses Verbrechen an – der Zukunft – der Menschheit. Spätestens wenn die ersten Kriege um Trinkwasser geführt werden, werden die Rechenzentren durch politische Entscheidung so sterben, wie das weltgrösste Mandel-Anbaugebiet der Welt im Central Valley, als in Kalifornien das Süsswasser knapp wurde.

Damit dürfte der Nachweis erbracht sein, dass man sich besser nicht durch geschickte Manipulation, durch Märchen und Lügen in die 'Digitale Invalidität' treiben lässt. Der Begriff stammt von mir, Immanuel Kant hätte von einer 'selbstverschuldeten Unmündigkeit' gesprochen. Der Spuk der generativen Künstlichen Intelligenz kann schnell vorbei sein. Wie auch immer es dort weitergeht, Sie sollten für alle Fälle gewappnet sein, sonst sind auch Sie möglicherweise schon bald akut existenziell gefährdet, nur weil Sie sich mit einem wirklich dummen Spruch einreden liessen, Sie müssten generative Künstliche Intelligenz unbedingt in alle Fasern Ihres Lebens lassen, um mit der Zeit zu gehen…

Veröffentlicht von Armin Biermann 7 Monaten vor, 30.8.2024

Abgelegt in: Allgemein

Eine Antwort zu “Auf dem besten Wege in die Digitale Invalidität”

  1. Gerhard Rupp
    30. August 2024 at 17:09

    Lieber Armin,
    meine Gratulation zu diesem Super-Blog, der Deine früheren Erkenntnisse zusammenführt und im einprägsamen Begriff der digitalen Invalidität benennt. In der Tat ist erhöhte Wachsamkeit angesichts der rasanten digitalen Entwicklung angesagt; für diese muss man allerdings so wie Du mit der technologischen Entwicklung mitgehen, ohne sich allerdings intellektuell und kognitiv vereinnahmen zu lassen. Also aufklären und Schutzräume bieten der nachwachsenden Generation, diese in Medienkompetenz schulen. Und die Entwicklung weiter beobachten, solange die Zeit bleibt angesichts des Ressourcenhungers des sogenannten technischen Fortschritts….

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